Während Europa vorangeht: Plant Deutschland das Aus für moderne Cannabisversorgung?
Juli 2025 – Während in Ländern wie Kanada, Tschechien oder Slowenien moderne Cannabispolitik Realität wird, droht in Deutschland ein Rückschritt. Der aktuelle Referentenentwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) unter Ministerin Nina Warken (CDU) sieht eine deutliche Verschärfung des Medizinalcannabisgesetzes vor – mit Folgen für tausende chronisch erkrankte Patienten im ganzen Land.
Was geplant ist, hat das Potenzial, funktionierende Versorgungswege zu zerstören. Gleichzeitig wächst international der Druck, die Cannabismedizin nicht zu blockieren, sondern weiterzuentwickeln. In Europa formiert sich ein neuer Kurs – ein „grüner Hurricane“, der Bewegung in veraltete Systeme bringt.
Was steht im Referentenentwurf?
Der am 16. Juli veröffentlichte Entwurf sieht folgende Kernpunkte vor:
1. Verbot der ausschließlichen Fernverordnung (z. B. per Telemedizin)
Ärzte sollen medizinisches Cannabis nur noch nach einem persönlichen Kontakt verschreiben dürfen – entweder in der Praxis oder im Rahmen eines Hausbesuchs. Eine ausschließliche Behandlung per Videosprechstunde soll nicht mehr zulässig sein – auch nicht bei Folgerezepten. Das betrifft besonders Plattformen, die auf Telemedizin spezialisiert sind.
2. Verbot des Versands von Medizinalcannabis durch Apotheken
Auch Apotheken, die bisher Patientinnen und Patienten deutschlandweit versorgen konnten, sollen künftig Cannabisblüten nicht mehr versenden dürfen. Die Abgabe hätte dann ausschließlich in Präsenz in der Apotheke zu erfolgen.
3. Ziel: Missbrauchsvermeidung
Begründet werden die Maßnahmen mit der Sorge vor missbräuchlicher Verschreibungspraxis. Vor allem anonymisierte Onlinefragebögen und kommerzielle Plattformmodelle gelten laut Ministerium als potenzielles Einfallstor für nicht-indizierte Verordnungen. Der Versandhandel wird ebenfalls kritisch gesehen, da er die direkte Kontrolle über Abgabe und Beratung erschwere.
Was bedeutet das in der Praxis?
Für viele Patienten wären die geplanten Änderungen ein harter Einschnitt – und in vielen Fällen ein Versorgungsproblem:
- Patienten mit eingeschränkter Mobilität oder chronischen Erkrankungen müssten regelmäßig in Praxen – auch für Folgerezepte.
- Menschen in ländlichen Regionen wären auf wenige erreichbare, cannabis-erfahrene Ärzte beschränkt.
- Apotheken, die sich auf Cannabistherapie spezialisiert haben, dürften nicht mehr versenden – selbst nicht bei bewährten Therapien.
- Besonders seltene oder therapiebegleitende Sorten wären nicht mehr bundesweit lieferbar.

Dabei hat gerade die Telemedizin in den letzten Jahren bewiesen, dass sie – bei verantwortungsvoller Anwendung – den Zugang zur ärztlichen Versorgung nicht verschlechtert, sondern verbessert.
Stimmen aus Praxis und Politik
Zahlreiche Marktteilnehmer und Verbände kritisieren den Entwurf:
Grünhorn, Bloomwell, Sanity, Herbery, Telecan: sprechen von einer „pauschalen Kriminalisierung digitaler Versorgung“.
VCA (Verband der Cannabis versorgenden Apotheken): warnt vor einer „katastrophalen Unterbrechung funktionierender Strukturen“.
DoktorABC: kritisiert soziale Ungleichheit – Versorgung dürfe nicht von Wohnort oder Einkommen abhängen.
CDU-Gesundheitspolitikerin Simone Borchardt: fordert Erhalt des innerdeutschen Apothekenversands – besonders für ländliche Regionen.
Der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck: äußert Zweifel an der Strategie des BMG und ruft zur faktenbasierten Überprüfung der Auswirkungen auf.
Ein grüner Hurricane weht durch Europa
Europa steht in Bewegung – ob durch Patienteninitiativen, wissenschaftliche Studien oder politische Dynamik. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie Cannabismedizin Teil eines modernen Versorgungssystems wird.
Der deutsche Entwurf wirkt im Vergleich nicht wie ein Schutzwall, sondern wie ein Gegenwind, der den Patienten das Leben schwerer macht – während sich rundherum moderne Strukturen bilden.
Der internationale Kontrast – Europa geht andere Wege
Während Deutschland reguliert, öffnen andere Länder bewusst Wege:
🇨🇦 Kanada:
Ein internationales Vorbild – Cannabis ist dort reguliert, zugänglich und unterliegt strengen Standards. Der Versand ist normaler Bestandteil der Versorgung.
🇨🇿 Tschechien:
2024 wurde die Cannabisregelung modernisiert. Die ärztliche Verordnung ist auch digital möglich. Versand durch Apotheken bleibt erlaubt.
🇸🇮 Slowenien:
Baut derzeit ein medizinisches Cannabisprogramm auf. Auch hier ist das Ziel, Patienten mit chronischen Erkrankungen sicheren und praktischen Zugang zu verschriebenen Produkten zu ermöglichen – inkl. digitaler Begleitung.
🇪🇺 Europaweit:
Immer mehr Staaten fordern eine gemeinsame europäische Cannabispolitik, die Qualität, Zugang, Patientensicherheit und Innovation miteinander verbindet – statt zu verbieten.
Was kann man tun?
Aktuell läuft eine Petition, die sich gegen die Einschränkung der Telemedizin richtet. Ziel ist es, den digitalen Zugang zu medizinischem Cannabis zu schützen – insbesondere für Patient:innen mit eingeschränkter Mobilität oder in ländlichen Regionen:
Zwischen Rückschritt und Aufbruch
Während andere Länder Versorgung modernisieren, plant Deutschland Einschränkungen, die das Gesundheitssystem unnötig belasten und Patienten gefährden könnten. Es braucht jetzt einen klugen, differenzierten Dialog – zwischen Politik, Fachwelt und Patienten.

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